Chronische Erkrankungen: Diabetes

Be­vor zu Be­ginn der 1920er Jah­re das In­su­lin er­fun­den wur­de, kam es sehr sel­ten vor, dass ei­ne Frau mit Dia­be­tes mel­li­tus schwan­ger wur­de. Wenn aber den­noch ei­ne Schwan­ger­schaft ein­trat, über­leb­te kaum ein Kind und auch die Müt­ter­sterb­lich­keit war recht hoch. Ab et­wa 1922, als In­su­lin zur The­ra­pie der Dia­be­tes auf den Markt kam, sank die Sterb­lich­keit von Dia­be­ti­ke­rin­nen deut­lich, und die Schwan­ger­schafts­ra­ten er­krank­ter Frau­en nahm zu. Das Ri­si­ko, dass das Ba­by nicht über­leb­te, konn­te auf un­ter zwei Pro­zent ge­senkt wer­den.

Dia­be­tes und Schwan­ger­schaft

Et­wa 30 bis 40 Pro­zent al­ler Schwan­ger­schaf­ten bei Dia­be­ti­ke­rin­nen sind nicht ge­plant. Da ein er­höh­ter Blut­zu­cker­spie­gel zu Fehl­ge­burten füh­ren kann und da dia­be­tes­ty­pi­sche Fehl­bil­dun­gen be­reits ab der fünf­ten Schwan­ger­schafts­wo­che ent­ste­hen, ist ei­ne op­ti­ma­le Stoff­wech­sel­ein­stel­lung schon vor Ein­tritt der Schwan­ger­schaft sehr wich­tig.

Je bes­ser der Stoff­wech­sel al­ler jun­gen Dia­be­ti­ke­rin­nen ein­ge­stellt ist, um so sel­te­ner wer­den Fehl­bil­dun­gen auf­grund der Er­kran­kung auf­tre­ten. Sie­he auch Dia­be­tes und Kin­der­wunsch

Dia­be­tes vom Typ 1 und 2 sind meist schon vor Ein­tritt ei­ner Schwan­ger­schaft be­kannt. Nicht be­han­del­ter Dia­be­tes (vom Typ 1 und 2) er­höht für das Ba­by das Ri­si­ko für Fehl­bil­dun­gen und kann für die Mut­ter ge­sund­heit­li­che Fol­gen ha­ben wie Blut­hoch­druck, Nie­ren­er­kran­kung, Ner­ven­schä­den, Herz­er­kran­kungen oder Blind­heit. Dia­be­tes vom Typ 1 muss in der Re­gel durch Di­ät, Be­we­gung und In­su­lin the­ra­piert wer­den, Dia­be­tes vom Typ 2 kann man mög­li­cher­wei­se mit Be­we­gung und Di­ät in den Griff be­kom­men, oder auch mit oral ver­ab­reich­tem In­su­lin.

Op­ti­ma­le In­su­lin­ein­stel­lung

Um das Ri­si­ko für all­zu­gro­ße Blut­zu­cker­schwan­kun­gen zu re­du­zie­ren, kann der be­han­deln­de Arztdie be­han­deln­de Ärz­tin ei­ne In­su­lin­pum­pe emp­feh­len, da­mit die Pa­ti­en­tin den Blut­zu­cker­wert bes­ser ein­ge­stel­len kann.

Ziel ei­ner gu­ten The­ra­pie der Dia­be­tes bei Schwan­ge­ren

Wich­ti­ge Kri­te­ri­en zu ei­ner er­folg­rei­chen Be­treu­ung schwan­ge­rer Dia­be­ti­ke­rin­nen sind die Sen­kung der Müt­ter­sterb­lich­keit, die Er­hö­hung der Ge­burten rei­fer und ge­sun­der Kin­der und ein un­kom­pli­zier­ter Schwan­ger­schafts­ver­lauf. Die Be­treu­ung ei­ner schwan­ge­ren Dia­be­ti­ke­rin er­for­dert ein ein­ge­spiel­tes Team so­wie die über­grei­fen­de Zu­sam­men­ar­beit von

  • Dia­be­to­lo­genDia­be­to­lo­gin­nen,
  • Ge­burts­hel­fernGe­burts­hel­fe­rin­nen und
  • Neo­na­to­lo­genNeo­na­to­lo­gin­nen ein­schlie­ß­lich der neo­na­to­lo­gi­schen In­ten­siv­sta­ti­on.


Die Be­treu­ung kann prin­zi­pi­ell am­bu­lant er­fol­gen, wenn die Pa­ti­en­tin an ei­nem Be­hand­lungs- und Schu­lungs­pro­gramm für ei­ne in­ten­si­vier­te In­sulin­the­ra­pie teil­ge­nom­men hat und weiß wor­auf sie ach­ten muss.

Eng­ma­schi­ge Vor­sor­ge­un­ter­su­chung

Da­mit Mut­ter und Kind op­ti­mal ver­sorgt blei­ben, wird die Be­treu­ung von schwan­ge­ren Dia­be­ti­ke­rin­nen im Rah­men von Vor­sor­ge­un­ter­su­chungen in der Re­gel zwei­wö­chent­lich an­ge­setzt.

Fol­gen schlech­ter Blut­zu­cker­ein­stel­lung

Bei ei­ner schlech­ten Blut­zu­cker­ein­stel­lung kann es ver­mehrt zu Fehl­ge­bur­ten und Früh­ge­bur­ten, Pla­zen­ta­in­suf­fi­zi­enz und zu ei­nem über­mä­ßi­gen feta­len Wachs­tum kom­men.

Tipps

  • Kein Cy­cla­mat
    Ver­mei­den Sie wäh­rend der Schwan­ger­schaft den Süß­stoff Cy­cla­mat. Süß­stoff kann die Ent­wick­lung des Fö­tus stö­ren.
  • Kei­ne ora­len An­ti­dia­be­ti­ka
    Meist wer­den ora­le An­ti­dia­be­ti­ka ab­ge­setzt, weil sie un­ter Um­stän­den frucht­schä­di­gend sein kön­nen.
  • Ach­tung bei In­fek­tio­nen und Stress
    Bei In­fek­ti­onen und Stress be­steht ein er­höh­ter In­su­lin­be­darf. Da­her soll­te in die­sen Si­tua­tio­nen der Blut­zu­cker­spie­gel häu­fi­ger über­prüft wer­den.
  • Schei­den­in­fek­tio­nen
    Bei schwan­ge­ren Dia­be­ti­ke­rin­nen kön­nen häu­fi­ger Scheid­ni­n­fek­tio­nen auf­tre­ten. Bei den ers­ten An­zei­chen hier­für (ju­cken, Schmer­zen beim Was­ser­las­sen) su­chen Sie bit­te un­ver­züg­lich Ih­ren be­han­deln­den ArztIh­re be­han­deln­de Ärz­tin auf.
  • Es­sen
    Ach­ten Sie be­son­ders wäh­rend der Schwan­ger­schaft dar­auf ge­sun­de, fri­sche Le­bens­mit­tel zu es­sen und be­spre­chen Sie mit Ih­rem Er­näh­rungsbe­ra­terIh­rer Er­näh­rungs­be­ra­te­rin, was für Sie der opri­ma­le Spei­se­plan wä­re.
  • Be­we­gung
    Be­we­gen Sie sich aus­rei­chend und re­gel­mä­ßig.
  • Mes­sen
    Über­prü­fen Sie in Ab­spra­che mit Ih­rem ArztIh­rer Ärz­tin re­gel­mä­ßig Ih­ren Blut­zu­cker­spie­gel.
  • Me­di­ka­men­te
    Den­ken Sie dar­an, Ih­re Me­di­ka­men­te sehr re­gel­mä­ßig ein­zu­neh­men, so wie Ihr be­han­deln­der ArztIh­re be­han­deln­de Ärz­tin dies mit Ih­nen ab­ge­spro­chen hat.

In­su­lin­be­darf im Schwan­ger­schafts­ver­lauf

Meist än­dert sich in den ers­ten Schwan­ger­schafts­wo­chen der In­su­lin­be­darf nicht we­sent­lich, er kann in den ers­ten zwölf Wo­chen so­gar et­was ab­fal­len. Ab der zwei­ten Hälf­te der Schwan­ger­schaft, et­wa ab der 22. bis 26. Schwan­ger­schafts­wo­che nimmt der In­su­lin­be­darf meist kon­ti­nu­ier­lich zu und kann bis zur 36. Schwan­ger­schafts­wo­che so­gar bis bis auf das Dop­pel­te an­stei­gen.

Et­wa ein bis zwei Wo­chen vor der Ent­bin­dung kann der In­su­lin­be­darf wie­der ab­fal­len, wo­bei hier ins­be­son­de­re die Ge­fahr nächt­li­cher Hy­po­gly­kämi­en auf­tritt. Um die­sem sich än­dern­den In­su­lin­be­darf ge­recht zu wer­den, sind täg­li­che Blutglu­ko­se-Selbst­kon­trol­len not­wen­dig. Hier­bei soll­ten die Mes­sun­gen je­weils vor und ca. 1 bis 1½ Stun­den nach den Haupt­mahl­zei­ten so­wie vor dem Schla­fen­ge­hen er­fol­gen. Zur Ver­mei­dung nächt­li­cher Hy­po­gly­kämi­en wer­den zu­sätz­lich ein­mal die Wo­che nächt­li­che Blutglu­ko­se­kon­trol­len an­ge­ra­ten.

Kurz vor oder mit Ein­set­zen der We­hen sinkt der In­su­lin­be­darf meist dras­tisch ab. Mit dem Be­ginn re­gel­mä­ßi­ger We­hen, bei Ein­lei­tung der Ge­burt oder bei Vor­be­rei­tung ei­nes Kai­ser­schnitts wird da­her meist emp­foh­len nur noch ein Drit­tel der bis­he­ri­gen Do­sis an Ver­zö­ge­rungs­in­su­lin oder aus­schlie­ß­lich kurz wirk­sa­mes In­su­lin sub­ku­tan zu sprit­zen. Wäh­rend der Ge­burt soll­te der Blut­zu­cker­wert min­des­tens stünd­lich kon­trol­liert wer­den, ge­ge­be­nen­falls wer­den klei­ne Do­sen ei­nes kurz wirk­sa­men In­su­lins ver­ab­reicht oder ei­ne kon­ti­nu­ier­li­che In­su­linin­fu­si­on an­ge­legt.

In der ers­ten Wo­che nach der Ent­bin­dung liegt der In­su­lin­be­darf häu­fig deut­lich nied­ri­ger als vor der Schwan­ger­schaft. Et­wa drei bis vier Wo­chen nach der Ent­bin­dung er­reicht er dann wie­der den Be­darf wie vor der Schwan­ger­schaft.

Beim Stil­len er­ge­ben sich für Dia­be­ti­ke­rin­nen kei­ne we­sent­li­chen Be­son­der­hei­ten.

Wenn die Nie­ren­funk­ti­on ein­ge­schränkt ist

Bei Pa­ti­en­tin­nen mit ein­ge­schränk­ter Nie­ren­funk­ti­on steigt der In­su­lin­be­darf im Ver­lauf der Schwan­ger­schaft oft nicht we­sent­lich an. Ein nicht an­stei­gen­der In­su­lin­be­darf kann auf ei­ne Pla­zen­tain­suf­fi­zi­enz oder ei­ne Wachs­tums­re­t­ar­die­rung des Fö­tus hin­wei­sen.

Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen

We­gen der vor­lie­gen­den Stoff­wech­sel­stö­rung und der Ge­fahr für Mut­ter und Kind ist das Un­ter­su­chungs­in­ter­vall der Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen min­des­tens zwei­wö­chent­lich, wo­bei spe­zi­el­le dia­gnos­ti­sche Maß­nah­men in der Schwan­ger­schaft mög­lich sind:

  • Dopp­ler-So­no­gra­phie
  • Ur­insta­tus al­le zwei Wo­chen
  • HbA1C-Test al­le vier Wo­chen
  • Au­gen­hin­ter­grund al­le drei Mo­na­te
  • Al­pha-Fe­to­pro­te­in­be­stim­mung (AFP) in der 16. Schwan­ger­schafts­wo­che
  • Über­prü­fung: In­su­lin, C-Pep­tid im Frucht­was­ser
  • CTG-Kon­trol­le ab 28. Schwan­ger­schafts­wo­che wö­chent­lich
  • Fe­to­me­trie, CTG: zwei­mal wö­chent­lich ab 30. Schwan­ger­schafts­wo­che
  • E3-Kon­trol­len ab der 32. Schwan­ger­schafts­wo­che


Die sta­tio­nä­re Auf­nah­me zur Ge­burt er­folgt bei Dia­be­ti­ke­rin­nen häu­fig schon in der 38. bis 40. Schwan­ger­schafts­wo­che, wo­bei die Ge­burt zum Ter­min an­ge­strebt wird.

Ge­fah­ren für das Ba­by

Wenn der Blut­zu­cker­wert wäh­rend der Schwan­ger­schaft schlecht ein­ge­stellt ist oder stark schwankt, ist das Ri­si­ko er­höht, dass das Ba­by an ei­ner dia­be­ti­schen Fe­topa­thie lei­den wird. Die­se liegt vor, wenn das Neu­ge­bo­re­ne deut­lich di­cker und schwe­rer ist als nor­mal und mehr sub­ku­ta­nes Fett­ge­we­be hat, bei gleich­zei­tig vor­lie­gen­der ver­min­der­ter Ge­burts­rei­fe. Meist ist bei die­sen Ba­bys die Lun­ge noch nicht aus­ge­reift und es kann zu Schwie­rig­kei­ten bei der At­mung füh­ren. Neu­ge­bo­re­ne mit ei­ner dia­be­ti­schen Fe­topa­thie be­kom­men nach der Ent­bin­dung au­ßer­dem häu­fi­ger ei­ne Un­ter­zu­cke­rung. Des­we­gen muss nach der Ge­burt der Blut­zu­cker des Neu­ge­bo­re­nen eng­ma­schig kon­trol­liert wer­den.

Ge­fah­ren für die dia­be­ti­sche Schwan­ge­re

Schwan­ge­re mit ei­ner Dia­be­tes kön­nen in ein dia­be­ti­sches Ko­ma fal­len, wenn ihr Blut­zu­cker­spie­gel zu hoch ist. Wenn Sie aber nicht ge­nü­gend es­sen oder sich zu sehr an­stren­gen oh­ne die In­su­lin­men­ge dar­auf ab­zu­stim­men, kann ei­ne Un­ter­zu­cke­rung auf­tre­ten (Hy­po­gly­kämie), wenn der Blut­zu­cker­spie­gel zu stark ab­sinkt.

So­wohl die Über­zu­cke­rung, als auch die Un­ter­zu­cke­rung sind ernst zu neh­men­de Kom­pli­ka­tio­nen, die auch töd­lich aus­ge­hen kön­nen, wenn sie nicht um­ge­hend be­han­delt wer­den.

Do NOT follow this link or you will be banned from the site!